Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Gedenkstätte Opfer der Euthanasie-Morde

1940 T4-Mordstätte Brandenburg

Einrichtung der Euthanasie-Tötungsanstalt

Ab Anfang Dezember 1939 wurde ein Großteil des Strafanstaltskomplexes im Stadtzentrum zur Euthanasie-Tötungsanstalt im Rahmen der sogenannten AktionT4 umgebaut. In der ehemaligen Anstaltsscheune wurde eine Gaskammer installiert. Die Euthanasie-Anstalt in Brandenburg an der Havel war die einzige der insgesamt sechs Tötungsanstalten der T4, die nicht in einer Krankenanstalt, sondern in einer leer stehenden Strafanstalt eingerichtet wurde. Aus Tarnungsgründen erhielt sie den Namen „Landes-Pflegeanstalt Brandenburg an der Havel“.  Zwischen Februar und Oktober 1940 ermordete das Personal der Tötungsanstalt über 9.000 Anstaltspatientinnen und -patienten aus dem nord- und mitteldeutschen Raum mit Giftgas.

Opfer

In Brandenburg führten hochrangige NS-Vertreter im Januar 1940 eine "Probetötung" an unbekannten Personen durch, bei der die Entscheidung für das Tötungsverfahren mit Gas getroffen wurde. Die nächsten Opfer waren psychisch kranke Straftäter. Mindestens 500 Personen dieser Gruppe wurden in Brandenburg ermordet.
Rund 10 Prozent der Opfer der Tötungsanstalt waren Kinder und Jugendliche. Teilweise hatten Ärzte oder Ärztinnen sie für die Tötungen ausgewählt, um ihre Gehirne für Forschungszwecke zu erhalten. 

Massenmord an jüdischen Patientinnen und Patienten

Ungefähr 10 Prozent der T4-Opfer in Brandenburg waren jüdischer Herkunft. Diese Patientinnen und Patienten wurden anders als nichtjüdische Personen unabhängig von der Art ihrer Erkrankung oder dem Grad ihrer Arbeitsfähigkeit allein aufgrund ihrer jüdischen Herkunft getötet. Ab Juli 1940 begann somit der erste planmäßig organisierte Massenmord an Juden und Jüdinnen im Deutschen Reich.

Tötungsvorgang

Die  Patientinnen und Patienten der Heil- und Pflegeanstalten wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in Brandenburg ermordet. Nach dem Verlassen der Busse brachte das Pflegepersonal sie zum Eingangsbereich der ehemaligen Anstaltsscheune. Nach Geschlechtern getrennt mussten sie sich entkleiden. Dann erhielten sie einen Stempel auf die Brust. Nach der Überprüfung ihrer Personalien führten Schwestern und Pfleger sie einem Arzt vor, der eine natürliche Todesursache für die Sterbeurkunde erfand. Zuletzt wurden die Patientinnen und Patienten fotografiert und anschließend in die Gaskammer gebracht. Ein Arzt ließ Kohlenmonoxid in den Raum ein und beobachtete die Tötung durch ein kleines Fenster. Nach Abschluss des Tötungsvorgangs und der Entlüftung des Raums brachen SA- bzw. SS-Männer den Leichen die Goldzähne aus und brachten die Körper zu den Verbrennungsöfen im angrenzenden Raum.

Verlegung nach Bernburg

Da die Leichenverbrennungen in der Stadt nicht unbemerkt blieben, beschlossen die Verantwortlichen der Aktion T4 etwa im Juli 1940, die Verbrennungsanlage auf ein ca. 6 Kilometer entferntes abgeschiedenes Grundstück am Rande der Ortschaft Paterdamm zu verlegen. Gleichzeitig suchten Mitarbeiter der T4-Zentrale in Berlin nach einem Ersatz für die Tötungsanstalt Brandenburg. Die Wahl fiel schließlich auf die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Bernburg, in der die T4-Zentrale schließlich sechs Räume anmietete. Nach den letzten Morden in Brandenburg am 28. Oktober 1940 wurde die Tötungsanstalt in Brandenburg geschlossen und die Vergasungen in Bernburg fortgesetzt.

Verschleierung 

Um den Massenmord zu verschleiern, wurde den sechs Tötungsanstalten jeweils ein eigenes Standesamt angegliedert, das ausschließlich den Tod der T4-Opfer beurkundete. Das Brandenburger Standesamt der T4 erhielt den Namen „Sonderstandesamt Brandenburg II“ und wurde auf dem Gelände der Euthanasie-Anstalt eingerichtet. Von hier aus verschickten die Verwaltungsangestellten Sterbeurkunden und sogenannte "Trostbriefe" an die Angehörigen der Ermordeten. Die Angaben zu Ort, Datum und Ursache des Todes in diesen Schriftstücken hatten sie gefälscht. Auch der ab Frühjahr 1940 übliche Tausch von Krankenakten mit anderen T4-Tötungsanstalten zwecks dortiger Beurkundung von Sterbefällen diente der Täuschung von Angehörigen.

Transfer

Viele Mitarbeiter der Euthanasie-Anstalt in Brandenburg übernahmen später Schlüsselpositionen beim Judenmord im besetzten Polen. Sie transferierten die in Brandenburg entwickelte Tötungstechnik in die NS-Vernichtungslager. 

 

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